Der richtige Atemrhythmus - ein Prinzip für Atmung und Stimme

Richtig schreiben müssen wir lernen, richtig sprechen, ja sogar Spielen ist an unzählige Regeln geknüpft, die wir, nun da wir sie kennen, bitte einhalten sollen. Sonst macht es ja auch keinen Spaß. Alles wollen und sollen wir „richtig“ machen. Und richtig meint dann oft: So, wie es die anderen machen! Und was heißt das für unseren Atemrhythmus? Das Lehrbuch sagt im Verhältnis 1 zu 1,2 soll ich in Ruhe atmen. Ich zähle also immer 1-2-3-4 ein und 1-2-3-4-äähm – Stopp. Die Wahrheit ist:

Es gibt nicht den einen richtigen Atemrhythmus, der für alle Menschen gilt. Aber es gibt den bestimmten Atemrhythmus, nämlich deinen ganz persönlichen, der genau für dich richtig ist. Dieser richtet sich nach deiner Konstitution und den Anforderungen, denen du ausgesetzt bist. Alles was du dafür brauchst, ist ein gutes Gespür für deinen Körper und deine Atembewegung sowie Vertrauen in deine individuellen Bedürfnisse. Klingt einfach, muss man aber erstmal wieder lernen.

Grundlagen des dreiteiligen Atemrhythmus

Deine Atmung besteht aus drei Phasen. Richtig gelesen. Drei! Was viele nicht wissen, neben der Einatmung und der Ausatmung gibt es auch noch die Atempause. Und was noch unbekannter ist, ist der Zeitpunkt der Atempause. Sie findet nämlich nach der Ausatmung statt. Nichts da mit Luftanhalten. In der natürlichen Atmung warten wir, bis die neue Einatmung von ganz alleine in uns einfließen möchte. Das klingt vielleicht erstmal etwas befremdlich, aber wenn es dir gelungen ist, auf die Impulse deines eigenen Atemrhythmus zu hören, beziehungsweise wenn du lernst sie wahrzunehmen, wirst du genau wissen, was ich meine.

Versuche doch mal alle drei Phasen deiner Atmung wahrzunehmen. Dazu setzt du dich am besten aufgerichtet auf einen Hocker, legst die Hände auf deinen Bauch oder an deine Seiten und schließt die Augen. In der Einatmung solltest du eine leichte Ausdehnung deines Brustkorbes wahrnehmen. In der Ausatmung zieht sich die Muskulatur wieder zusammen und der Brustkorb bewegt sich in die Ausgangsposition. Dort verweilt er für einen kurzen Moment, bis der neue Einatemimpuls kommt. Atme nicht ein, bevor du diesen Impuls spürst. Es gilt genau dann einzuatmen, wenn der Impuls dir sagt: „Jetzt will ich wieder neue Luft haben.“ Es fühlt sich auf keinen Fall so an, wie Luftanhalten. Tatsächlich ist die Atempause nur ein Warten auf den Einatemimpuls.

3 Regeln zum Atemrhythmus

3 Regeln zum Atemrhythmus

Den Rhythmus anpassen:

Die Länge der einzelnen Atemphasen variiert. Beobachte sie beim Laufen, Singen, Sprechen und vor dem Einschlafen. Mache dir bewusst, wie sich die einzelnen Atemphasen je nach Situation verändern. Wo kannst du eine besonders tiefe Einatmung vernehmen? Wodurch verlängert sich deine Ausatmung? Und in welcher Situation ist deine Atempause besonders lang und intensiv? Es gibt sogar Übungen, die alle drei Atemphasen intensivieren, denn die Atemphasen bedingen sich untereinander. So führt eine langsame und tiefe Einatmung zu einer verlängerten Ausatmung, die dann eine besonders intensive Atempause nach sich zieht.

Warum haben wir unser Gespür für den natürlichen Atemrhythmus verloren?

Rhythmus ist ein bestimmtes Phänomen, dass natürlicher Weise vorkommt. An unterschiedliche Naturrhythmen haben wir Lebewesen uns im Laufe der Evolution angepasst.  Beispiele dafür sind die Jahreszeiten oder auch Tag und Nacht.

Die Natur gibt uns einen Rhythmus vor. Unser Organismus reagiert darauf. In uns tickt eine innere Uhr, die sich über lange Zeit an die äußeren Umstände angepasst hat. Erst in den letzten Jahrhunderten hat sich das Leben aber so sehr verändert, dass wir Möglichkeiten gefunden haben, diese biologischen Muster zu ignorieren. Tag- und Nachtrhythmus verschieben sich, im Winter heizen wir die Wohnung auf sommerliche Temperaturen und im Sommer kühlen wir die Autos mit Klimaanlage. Da ist der Körper dann verwirrt. Und so ähnlich ist es auch mit dem Atemrhythmus.  Grund dafür sind vor allem neue Werte unserer Gesellschaft. Wir sollen immer schneller, immer effizienter, immer lauter und leistungsstärker werden. Und das alles geht auf Kosten unserer natürlichen Instinkte und auf Kosten unserer Zeit. Wir rennen zum Bus, wir schlingen unser Brot runter und wir reden möglichst schnell.

Warum schnelles Reden und natürlicher Atemrhythmus nicht zusammen passen:

Wenn du einfach nur sehr gut trainierte Artikulationsmuskeln hast, bist du an dieser Stelle nicht gemeint. Denn die Zeit, die wir beim Sprechen vor allem einbüßen, ist die der Atempause und die der Einatmung. Wir lassen die Pausen zwischen unseren Sätzen weg, schnappen nach Luft und pressen im Eiltempo die nächsten fünf Sätze heraus. Das Ergebnis spüren wir sowohl als Sprecher, als auch als Hörer. Im Radio wurden die Atempausen zeitweise herausgeschnitten, um Zeit einzusparen, dies hatte jedoch zur Folge, dass dem Hörer die Verarbeitungszeit fehlte und letztlich deutlich weniger vom Gesagten behalten konnten. Auch ist das schnelle Sprechen weder gesund, noch nachhaltig. Wenn du die Einatemluft einziehst und die Ausatemluft beim Sprechen wieder herausdrückst, haben deine Stimmlippen keine Chance, gleichmäßig und physiologisch zu schwingen. Deine Stimme wird gepresst, gedrückt, behaucht oder knarrend klingen und du kannst sogar eine Stimmstörung entwickeln.

Wenn dir deine Stimme wichtig ist, solltest du definitiv keine Zeit beim Sprechen einsparen. Hierzu gibt es eine tolle Dokumentation mit dem Namen „Zeit ist Geld“, die dich motivieren könnte, mehr bei dir zu bleiben.

Ein passender Artikel zu diesem Thema ist dieser: „Wie atme ich richtig – Atemübungen & Atemtechniken

Wenn dich das Thema Atemrhythmus darüber hinaus interessiert und du noch mehr darüber erfahren möchtest, gibt es ein Buch, welches ich dir dazu wärmstens empfehlen kann. Dort findest du alles, was du über Stimme, Atmung und den dreiteiligen Rhythmus wissen musst.

Mehr dazu im Buch: Stimme & Atmung nach Schlaffhorst Andersen

https://www.cjd-schlaffhorst-andersen.de/buecher/stimme-und-atmung-fachbuch/

Leseprobe: https://www.cjd-schlaffhorst-andersen.de/fileadmin/assets/schlaffhorst-andersen/DOKUMENTE/Service/lang_saatweber_stimme_atmung__2__2011.pdf

Stress durch bewusste Atmung reduzieren

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